Veranstaltungsreihe zu 20 Jahre Mauerfall


DAS BEGEHREN, ANDERS ZU SEIN UND DAS ENDE DER DDR
Eine Veranstaltungsreihe des AK Einstürzende Mauern und des Bildungswerkes der Heinrich-Böll-Stiftung

Veranstaltungsreihe „Das Begehren, anders zu sein und das Ende der DDR"

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls beleuchten wir Konflikte zwischen politischer / kultureller Dissidenz und autoritär-sozialistischer Staatsmacht bis 1989. Dissidenz verstehen wir als sehr breites Spektrum von Praktiken, die von der Macht beargwöhnt oder unterdrückt wurden. Dissidenz hat sich in der Alltagskultur, in politischen Protestbewegungen (gegen den Einmarsch in Prag) sowie in den Künsten (vom Punk bis zur Bohème) geäußert. Welche Rolle spielte das Begehren, "ohne Angst verschieden sein" (Th. W. Adorno) für den Untergang der DDR?

Das Begehren, anders zu sein und das Ende
der DDR
Teil 5
 
Der "Asozialen"paragraf in der Praxis: Vom Umgang mit der "Unterschicht" in der DDR
Vortrag von Sven Korzilius
Termin: Di, 13. April 2010, 19.30 Uhr
Mehringhof Versammlungssaal, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin
Maßnahmen gegen "Asoziale" und "Arbeitsscheue" haben in Deutschland eine lange Tradition. Auch inder DDR wurde mit nicht erwerbstätigen Arbeitsfähigen, die sogar offiziell "Asoziale" hießen,repressiv umgegangen. Was bedeutete es für die Betroffenen, kriminalisiert zu werden? WelchenBestrafungsformen waren sie unterworfen? Wie wurden die unterschiedlich abgestuften Maßnahmen
– von der Einweisung in einen "Jugendwerkhof" bis zur Gefängnisstrafe – gerechtfertigt? Konnte die
Staatsmacht Anpassung erzwingen? Unser Referent ist Rechtsanwalt und Sozialforscher.
 
Die Friedensbewegung in der DDR
Vortrag von Thomas Klein
Termin: Di, 27. April 2010, 19.30 Uhr
Mehringhof Versammlungssaal, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin
Die DDR war eine militaristische Gesellschaft mit Paraden, Orden, Uniformen und Fahnenappellen.
Insbesondere die Wehrdienstverweigerer, Totalverweigerer und ehemaligen Bausoldaten (1977 warenes ca. 10.000) wurden ein großes Potenzial der Friedensbewegung. Anfang der 1980er Jahre löste das
Tragen des Aufnähers "Schwerter zu Pflugscharen" Schikanen aus. Auch die Einführung des Wehrkundeunterrichts an den Schulen wurde zum Auslöser für Proteste friedensbewegter Gruppen.
 
Rechtsextremismus und Antisemitismus in der DDR
Vortrag von Harry Waibel
Termin: Di, 4. Mai 2010, 19.30 Uhr
Mehringhof Versammlungssaal, Gneisenaustr. 2a,
10961 Berlin
Die DDR-Führung legitimierte sich durch den Antifaschismus. Bereits 1950 wurde auf dem 3. Parteitag der SED festgestellt, die Wurzeln des Faschismus seien in der DDR "ausgerottet". Damals waren 1/3 der SED- Mitglieder zuvor NSDAP-Mitglieder gewesen. Albert Norden sagte 1960, als das Material zu Globke übergeben wurde: "Den einfachen Nazis, die ihre Pflicht tun, die sich dem Gesetz gegenüber richtig verhalten, will niemand etwas". So brüteten Erbschaften aus der NS-Zeit weiter vor sich hin... Erst 1987, als Neonazis ein Rockkonzert in der Zionskirche überfielen, wurde der Öffentlichkeit das Problem bewusst.
 
Der Mond, die Spree, das Bier
Lesung und Gespräch mit Katrin Girgensohn
Termin: Di, 18. Mai 2010, 19.30 Uhr
RegenbogenCafé, Lausitzer Str. 22a (Vorderhaus
Regenbogenfabrik), 10999 Berlin
Mit "Der Mond, die Spree, das Bier" hat Katrin Girgensohn einen Roman über die Wendezeit in Friedrichshain, das Leben in einem besetzen Haus in der Mainzer Straße und den "irreal existierenden Sozialismus" vorgelegt. Kurz nach dem Sturz der Mauer kommen hier Besetzer aus Ost und West zusammen, wo sie sich auch über ihre unterschiedlichen Geschichten austauschen.
Anschließend sprechen wir mit der Autorin über literarische Formen des Erinnerns.
 

Das Begehren, anders zu sein und das Ende der DDR  -  Folge 4

 Selbstbestimmte Arbeitsbiographien in der DDR. Vortrag von Dirk Moldt

Arbeit diente in der DDR nicht nur der Integration, sondern auch der sozialen Kontrolle. Immer wieder versuchten Jugendliche, sich dieser Kontrolle zu entziehen und waren dadurch oftmals mit dem „Asozialen-Paragraphen“ konfrontiert. Dirk Moldt hat kürzlich eine Studie abgeschlossen, die ostdeutsche Lebensgeschichten aus den 1950er bis 1980er Jahren untersucht. Sie waren gelebte Versuche, das Arbeitsleben eigenständig und selbst bestimmt zu gestalten.

Dienstag, 9.2.2010, 19.30 h

Mehringhof Versammlungssaal

Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin

Der Sonnenküsser. Lesung und Diskussion mit Jürgen Landt

„Der Sonnenküsser“ ist ein autobiographisches Buch von Jürgen Landt. Am Tag des Mauerfalls, allein in seiner Hamburger Wohnung, erinnert er sich..

Der Protagonist Peter Sorgenich wächst im Norden der DDR auf. Er will ein Leben in Unabhängigkeit und eckt damit an. Mit 16 Jahren wird er erstmals wegen „Rowdytums“ inhaftiert. Einmal im Kontrollapparat gefangen, gibt es bald kein Entrinnen mehr...

Dienstag, 23.2.2010, 19 h

BAIZ, Christinenstr. 1, 10119 Berlin

 

„Die Mauer fiel uns auf die Köpfe.“ Deutsche Einheit in den Wahrnehmungen von türkischen MigrantInnen dreier Altersgruppen. Vortrag von Nevim Cil.

 Türkische MigrantInnen fühlten sich in den frühen 1990er Jahren oft (insbesondere in Berlin) als die großen Verlierer der deutschen Einheit, auch weil viele ihre Jobs verloren. Nevim Cil berichtet über Wahrnehmungen und Erfahrungen aus der Zeit nach dem Sturz der Mauer sowie den Veränderungen des Deutschlandbildes bei drei Altersgruppen türkischer EinwanderInnen (Pioniergeneration und deren Nachkommen). Sie zeigt, wie der deutsche Einigungsprozess ihre Außenseiterposition befestigt hat und als Zäsur empfunden wurde

Freitag, 12.3.2010, 19.30 h

Kreuzbergmuseum, Adalberstr. 95 A, 10999 Berlin

Politische Arbeit in der DDR und heute. Ein autobiografisches Gespräch mit Reinhard Schult (DDR-Oppositioneller, heute Initiative für ein Berliner Sozialforum).

In der DDR war oppositionelle politische Arbeit vor allem in kirchlichen Räumen möglich. Reinhard Schult hat bereits mit jungen Jahren begonnen, kontinuierlich politisch zu arbeiten. Er gehört zu den Gründern des Neuen Forums. Wir befragen ihn über seine Erfahrungen in Ost und West und entlocken ihm spannende Erzählungen über Kontinuitäten und Brüche in der jüngeren Geschichte der politischen Kultur.  

Dienstag, 16.3.2010, 19.30 h

Mehringhof Versammlungssaal

Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin

Parka, Iro, schwarzes Leder. Popmusik und Jugendkulturen in der DDR.

Vortrag von Michael Rauhut (Autor u.a. des Buches „Bye Bye Lübben City“).

Mit viel Bild- und Tonmaterial berichtet Michael Rauhut von einigen Besonderheiten der Jugendsubkulturen in Ostdeutschland, besonders der sog. Tramperszene. Mit Mode, Frisuren und Musik setzte sie Unterschiede „Die Woche gehört dem Staat, das Wochenende der Anarchie“ – für diese Lebensführung wurde sie drangsaliert. Ein Stasi-Oberstleutnant brachte es auf den Punkt: „Dazu kam für uns die emotionale Schranke im Kopf... Was hat das eigentlich mit unserer sauberen, guten Gesellschaft zu tun?“

Dienstag, 23.3.2010, 19.30 h

Archiv der Jugendkulturen e.V.

Fidicinstr. 3, 10965 Berlin

Das Begehren anders zu sein und die „realsozialistische Gouvernementalität“ unter Honecker. Vortrag von Wolfgang Lenk

In seinen Untersuchungen zur „Gouvernementalität“ analysiert Michel Foucault, wie die Macht das Gewimmel des gesellschaftlichen Lebens wahrnimmt und zu steuern versucht. Mit der sog. „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ hat die SED in der Honecker-Periode versucht, Antworten auf die Krisen des Ulbricht-Systems zu geben. Diese Antworten können als Versuche interpretiert werden, den Typus einer „sozialistischen Gouvernementalität“ zu entwickeln, was aber nicht gelang. Der Vortrag zeigt dies exemplarisch an den beiden Feldern der Wirtschaftsplanung und der Kulturpolitik.

Dienstag, 30.3.2010, 19.30 h

Mehringhof, Blauer Salon

Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls beleuchten wir Konflikte zwischen politischer / kultureller Dissidenz und autoritär-sozialistischer Staatsmacht bis 1989. Dissidenz verstehen wir als sehr breites Spektrum von Praktiken, die von der Macht beargwöhnt oder unterdrückt werden. Dissidenz hat sich in der Alltagskultur, in politischen Protesten (gegen den Einmarsch in Prag) sowie in den Künsten (vom Punk bis zur Bohème) artikuliert. Welche Rolle spielte das Begehren, "ohne Angst verschieden sein" (Th. W. Adorno) für den Untergang der DDR?

Eine Veranstaltungsreihe des Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung

in Kooperation mit:

archiv der jugendkulturen, netzwerk, KreuzbergMuseum

 sowie

AG Einstürzende Mauern

Explodierende Plastikwörter

Realisiert mit Mitteln der

Stiftung Lotto Dt. Kl.lotterie Berlin

 

Alltag und Repression in der DDR
Eröffnungsvortrag von Anne Seeck

Termin: Di, 01.09.09, 19:30 Uhr
Kreuzbergmuseum
Adalbertstr. 95 A, 10999 Berlin

Der Vortrag setzt sich kritisch mit der Totalitarismustheorie als auch mit der Verharmlosung der DDR auseinander. Die Rede von den „zwei deutschen Diktaturen" empört viele Ostdeutsche, die sich auf die „soziale Sicherheit" in der DDR berufen, aber diese hatte viele repressive Momente: Es gab ein Recht auf Arbeit, aber auch ein Asozialengesetz. Es gab ein Recht auf Wohnen, aber auch eine schwerfällige staatliche Wohnraumlenkung mit dem Modell der Kleinfamilie als Lebensform und einen Verfall der Altbausubstanz. Weder die alleinige Herausstellung der Repression noch des Alltags ist angebracht. Die DDR wird im Rückblick auch in Zeiten sozialer Verunsicherung nicht angenehmer.

Blues-Messen in Ostberlin
Diskussion und anschließend Blues-Messe mit Holys Blues-Band

Mit Dirk Moldt (Autor einer Studie über die Bluesmessen 1979-1986), Rudi Pahnke (Theologe und Organisator), Günther Holwas (Bluesmusiker).

Termin: Fr, 04.09.09, 20:00 Uhr
Jugendwiderstandsmuseum in der Galiläa-Kirche
Rigaer Str. 9-10, 10247 Berlin

Blues-Messen waren ungewöhnliche Gottesdienste mit Bluesmusik, die von 1979-1986 Tausende alternative Jugendliche anzogen. Zur ersten Bluesmesse kamen 250 Jugendliche, später bis zu 9 000 Teilnehmer. Dem Staat waren diese Messen zu politik-kritisch. Er versuchte, über die Kirchenleitung die Organisatoren zu disziplinieren. So hatten die Veranstalter der Bluesmessen nicht nur mit staatlichen Störmanövern, sondern auch mit innerkirchlichen Auseinandersetzungen zu kämpfen.

"Too much future" – Punk in der DDR
Film und Diskussion mit Henryk Gericke (Autor des Films)

Termin: Do, 10.09.09, 19:30 Uhr
Archiv der Jugendkulturen e.V.
Fidicinstr. 3, 10965 Berlin

Punk war ein politisches Phänomen, jeder Punk ein „asoziales Element", das seine Zukunft riskierte. Punks waren „nicht entzückt von den aufgedrängten ‚sozialen Errungenschaften’ und nicht bedingungslos dankbar für einen sicheren Kindergartenplatz, eine sichere Ausbildung, einen sicheren Arbeitsplatz, einen sicheren Frieden, und all das in sicheren Grenzen". Und daher waren sie bald „sicher vor sich selbst – im Jugendwerkhof, im Gefängnis, in der Armee oder durch die Disziplinierung seitens der Stasi" (aus der Ankündigung zum Film). Zuviel Zukunft sollte für sie heißen: keine Zukunft.

Punx not dead – seit 1980 auch in Friedrichshain
Diskussion und anschließend Konzert der Band „Namenlos"

Mit Gerhard Cyrus (ehem. Galiläa-Pfarrer),
Angela Kowalczyk (Punk, Autorin),
Micha Horschig (Punk, Musiker), Moderation: Dirk
Moldt (Historiker).

Termin: Fr, 11.09.09, 20:00 Uhr
Jugendwiderstandsmuseum in der Galiläa-Kirche
Rigaer Str. 9-10, 10247 Berlin

Die Galiläa-Kirche war seit 1978 ein Ort für unangepasste Jugendliche, später auch für Punks. Auf welche Formen der Ausgrenzung reagierten sie, welche Solidarität erfuhren sie? Was wollten sie?
Nach der Diskussion wird die Band „Namenlos" spielen, deren Mitglieder 1983 wegen eines Auftritts zu Haftstrafen verurteilt wurden. Sie stellen Stücke aus ihrer neuen Platte „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit" vor.

Geschichte und Vielfalt der Ausreisebewegung aus der DDR
Vortrag von Bernd Eisenfeld

Termin: Di, 15.09.09, 19:30 Uhr
KreuzbergMuseum
Adalbertstr. 95A, 10999 Berlin

Nach dem Mauerbau gingen 570 000 DDR-Bürger in den Westen, davon 500 000 offiziell Ausgereiste, 38 000 Flüchtlinge und 33 755 freigekaufte Häftlinge. Bei den Fluchtversuchen gab es viele Tote, noch am 8.März 1989 stürzte ein 32jähriger Mann mit seinem Ballon über Westberlin ab. Als immer mehr Ausreiseanträge offiziell genehmigt und auch inhaftierte politische Gefangene freigekauft wurden (seit 1977 erhielt die DDR für den Freikauf 95 847 DM pro Kopf), kam es zu einer Sogwirkung. Was wissen wir über die Unterschiedlichkeit der Ausreisemotive? Bernd Eisenfeld verweigerte den Wehrdienst 1966, war Bausoldat, 1968 zu 2 ½ Jahren Haft verurteilt wg. Solidarisierung mit dem Prager Frühling, Ausreise aus der DDR 1975.

Verstörende Erfahrungen? MigrantInnen und nichtweiße Deutsche
erinnern sich an den Fall der Mauer
Podiumsdiskussion mit Angehörigen verschiedener EinwanderInnen-Communities

Termin: Di, 22.09.09, 20:00 Uhr
Samariter Kirchengemeinde
Samariterplatz, 10247 Berlin

(Riza Baran, Serafim Manhice, Alimamy Sesay, Zefas Macamo, Nuran Yigit, M. Arabi, Murat Sengül u.a.)
Die Jahre 1989/90 waren für viele EinwanderInnen angefüllt mit unbehaglichen Gefühlen, ja mit Ängsten. Das eigene Gedächtnis rief bereits erlebte Diskriminierungen auf und die Zukunft schien bedrohlich. Zur Erinnerung: Bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im Februar 1989 erhielten die rechtsextremen „Republikaner", die in einem Fernsehspot zu der Melodie „Spiel mir das Lied vom Tod" Bilder von türkischen Kindern zeigten, auf Anhieb 7,5%. Und dann fiel die Mauer unter einem Fahnenmeer. Unsere PodiumsteilnehmerInnen berichten von ihren persönlichen Erfahrungen und Gefühlen, in denen sich das Biografische mit der politischen Geschichte verbindet.

Arbeit und Alltag vietnamesischer VertragsarbeiterInnen
Vortrag von Uta Beth und Podium mit VertragsarbeiterInnen aus Angola, Vietnam und
Mosambik, anschl. Diskussion

Termin: Di, 29.09.09, 19:30 Uhr
Archiv der Jugendkulturen e.V.
Fidicinstr. 3, 10965 Berlin

Anfang 1989 lebten etwa 190 000 AusländerInnen in der DDR. Die meisten von ihnen waren unter dem irreführenden Titel der „Ausbildungshilfe" gekommen, leisteten aber oft Schichtarbeit. So nähten und bügelten Vietnamesinnen, schufteten Mosambikaner in Schlachthöfen und Elektrokohlebetrieben, bauten an der S-Bahn oder fertigten Glühlampen. Ihr Alltag war von mannigfaltigen Restriktionen bestimmt.

Der betriebliche Aufbruch im Herbst 1989 in der DDR
Vorträge von Renate Hürtgen und Bernd Gehrke

Termin: Di, 06.10.09, 19:30 Uhr
Mehringhof Versammlungssaal
Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin

Arbeit hatte in der DDR eine enorme Bedeutung, insbesondere die sozialistischen Arbeitskollektive, die gleichzeitig integrierend und kontrollierend wirkten. Die Unzufriedenheit staute sich in den Betrieben
an, so war die Produktivität gering, die Technik veraltet, der Materialfluss oft unregelmäßig. Von Oktober 1989 bis zum Frühjahr 1990, in Zeiten des Machtvakuums, verlangten ArbeiterInnen nach wirtschaftlicher Mitbestimmung und initiierten die Gründung unterschiedlichster Vertretungsorgane. Es wurden Basisgruppen gebildet und Betriebsdirektoren abgewählt. Warum war diese Zeit der Experimente so schnell vorbei?

Das Begehren, anders zu sein und die staatssozialistische
Gouvernementalität
Vortrag von Wolfgang Lenk

Termin: Di, 08.10.09, 19:30 Uhr
Mehringhof Versammlungssaal
Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin

In seinen Vorlesungen über Gouvernementalität interessiert Michel Foucault, wie die Macht das Gewimmel des gesellschaftlichen Lebens wahrnimmt. Und wie sie sich von verschiedenen Experten beraten lässt, um das Soziale unter Kontrolle zu bekommen. In der DDR waren die Rollen von Partei,
Regierungsapparat, Wissenschaft und Expertentum sehr eng miteinander verzahnt – dementsprechend stark waren die Abwehrmechanismen gegen eine authentische Außensicht. Mit Foucault’schem Blick fragen wir nach den „Mikrophysiken der Macht", die als gouvernementale Techniken schließlich versagen müssen.

Gefördert vom Bildungswerk Berlin der Heinrich- Böll- Stiftung

in Kooperation mit:
Archiv der Jugendkulturen
Kreuzberg-Museum
Netzwerk Selbsthilfe
AG Einstürzende Mauern im Mehringhof
Explodierende Plastikwörter
Samariter Kirchengemeinde

Veranstaltungen des 1. Teils:


Der Traum von der Revolte
Vortrag und Diskussion mit Stefan Wolle
Stefan Wolle weist in seinem letzten Buch detailliert nach, dass es bereits vor 1968 in der DDR eine jugendliche Protestkultur gab, die gegen Gängelei und Konformismus aufbegehrte und empfänglich war für antiautoritäre Ideen. Als dann eine explizit politische Protest-bewegung gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts nach Prag begann, wurden über 1000 Personen verhaftet und 380 Strafverfahren wegen ‚staatsfeindlicher Hetze‘ eröffnet. Damit war Wesentliches zerbrochen: der Glaube an die Reformierbarkeit des Systems.
Termin: Di, 17.03.2009, 20h
Ort: Kreuzberg Museum, Adalbertstr. 95 A, 10999 Berlin
Stefan Wolle, forscht an der Freien Universität Berlin

Aufbrüche 1968 in West und Ost – sehr verschieden, untergründig miteinander verbunden?
Podium/Diskussionsveranstaltung mit Ulrich Enzensberger, Ute Kätzel, Stefan Wolle
Da die politische Dynamik der 68er-Proteste in West und Ost offensichtlich sehr unterschiedlich ist, fragen wir danach, was wir über die gegenseitige Wahrnehmung der Bewegungen in West- und Ostdeutschland wissen. Welche Einflüsse es gab und ob Ansätze einer Kommunikation nicht nur über sondern untereinander existierten. Die drei Gäste haben mit ihren Büchern (Der Traum von der Revolte, Die Jahre der Kommune I, Die 68erinnen) wichtige Untersuchungen zum Thema vorgelegt.
Termin: Di, 24.03.2009, 20h
Ort: Kreuzberg Museum, Adalbertstr. 95 A, 10999 Berlin

Zersetzen- Strategien einer Diktatur
Mit Sandra Pingel-Schliemann
Die Unterdrückung von ‚abweichendem Verhalten‘ war eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dabei wandelte sich die Praxis. Die DDR suchte internationale Anerkennung, Oppositionelle wurden in den 80er Jahren kaum noch kriminalisiert, sondern zersetzt. Formen der Zersetzung waren u.a. die systematische Diskreditierung des persönlichen Rufs, die Organisierung beruflicher Misserfolge, das Streuen von Zweifeln und Misstrauen.
Termin: Di, 31.03.2009, 20h
Ort: Mehringhof Versammlungssaal, Gneisenaustr. 2A, 10961 Berlin

Facetten der Dissidenz in der DDR
Podiumsdiskussion mit Paul Kaiser (Bohèmeforscher), Dirk Moldt (Aktivist in der kirchl. Offenen Arbeit), Dirk Teschner (telegraph)
Auch in der DDR gab es ‚Gammler‘ (später ‚Blueser‘ genannt) oder Punks. Durch ihr Aussehen, ihr Auftreten und ihre Musik schockierten sie nicht nur die Macht, sondern auch die ‚Normalbürger‘. Langhaarige wurden zum Frisör gezerrt oder zu Zwangsarbeit verurteilt, Bands verboten. Punks wurden in den 80er Jahren ständig zum ‚Abschnittsbevollmächtigten‘ vorgeladen. Nicht nur am Prenzlauer Berg entstand eine künstlerische Bohème.
Termin: Di, 14.04.2009, 20h
Ort: Archiv für Jugendkulturen, Fidicinstr. 3, 10965 Berlin

Aus dem wunderbaren Jahr der Anarchie
Lesung von Texten – mutigen, ungehorsamen und komischen – aus dem Wendejahr 1989/90
Bekannte und weniger bekannte Personen haben im Wendejahr und danach aufgezeichnet, wie Mut, Renitenz, Komik und beharrlicher Eigensinn nicht nur in den Großstädten, sondern auch in der Provinz und auf dem Land dazu beitrugen, die Diktatur zu stürzen.
Termin: Di, 21.4.2009, 20h
Ort: Mehringhof Versammlungssaal, Gneisenaustr. 2A, 10961 Berlin

Das Begehren, anders zu sein und die staatssozialistische Gouvernementalität
In seinen Vorlesungen über Gouvernementalität interessiert Michel Foucault, wie die Macht das Gewimmel des gesellschaftlichen Lebens wahrnimmt. Und wie sie sich von den verschiedensten Experten beraten lässt, um das Soziale unter Kontrolle zu bekommen. In der DDR waren die Rollen von Partei, Regierungsapparat, Wissenschaft und Expertentum sehr eng miteinander verzahnt – dementsprechend stark waren die Abwehrmechanismen gegen eine authentische Außensicht. Mit Foucault‘schem Blick erkennen wir eine Wucherung von ‚Mikrophysiken der Macht‘, die als Herrschaftstechniken schließlich versagen müssen.
Termin: Di, 05.05.2009, 20h
Ort: Mehringhof Versammlungssaal, Gneisenaustr. 2A, 10961 Berlin
Mit: Wolfgang Lenk, Universität Hannover

Das Bedürfnis autoritär/Autorität zu sein
Unbegriffene Traditionsbestände der politischen und kulturellen Alternativmilieus in Deutschland.
Während die politischen und kulturellen Aufbrüche in der DDR in klaren Fronten mit der Staatsmacht konfrontiert waren, sind sie im Westen selektiv sowohl in die Kulturindustrie wie ins politische System eingeflossen. Wie haben diese Erfahrungen die politischen Mentalitäten beeinflusst? Gibt es heute in Zeiten wachsender Ohnmachtsgefühle gar eine Renaissance der autoritären Versuchung? Welche Rolle spielt darin das Erinnern an 1989 und an die DDR?
Termin: Di, 12.05. 2009, 20h
Ort: Mehringhof Versammlungssaal, Gneisenaustr. 2A, 10961 Berlin
Mit: Klaus Farin (Archiv für Jugendkulturen), Dieter Rucht (wzb), Renate Hürtgen (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), Gisela Notz (FES)

Eine Fortsetzung der Reihe ist in Planung.